ARD-PlusMinus vom 08.01.2014 – Tricksereien bei der Jobvermittlung

ARD-PlusMinus vom 08.01.2014 – Tricksereien bei der Jobvermittlung

Knapp 2,9 Millionen Arbeitslose gibt es momentan in Deutschland. So zumindest lauten die offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Denn tatsächlich sind 3,8 Millionen Menschen ohne Arbeit. Rund eine Million Arbeitslose verschwinden aus der Arbeitslosenstatistik, weil sie an einer sogenannten arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnehmen – und somit nicht als arbeitslos gezählt werden. Manchen Arbeitslosen bringen die Maßnahmen wenig.

Tricksereien bei der Jobvermittlung

Jobsuche: Peter muss täglich um die Alster laufen

Der studierte Biologe Peter (54) ist seit vier Jahren arbeitslos. Zuletzt hat er als Grafiker gearbeitet. Dann übernimmt er mehrere Jahre die Pflege eines kranken Familienmitglieds. Um in seinem Job als Grafiker wieder Fuß zu fassen, braucht er spezielle Computerkurse. Doch die lehnt die Jobcenter-Mitarbeiterin immer wieder ab, auch aus Kostengründen.

Stattdessen muss Peter an einer Maßnahme für Arbeitslose über 50 Jahre teilnehmen: Ein Jahr lang muss er verschiedene Kurse belegen: gesunde Ernährung, Arbeiten mit Excel, Bewerbungen schreiben und den 6.000-Schritte-Kurs. In diesem Kurs müssen die Teilnehmer täglich drei Runde um die Hamburger Binnenalster spazieren. Wer das geschafft hat darf für den Tag nach Hause gehen. Für Peter verschenkte Zeit: Er hat nichts Neues gelernt und auch keinen neuen Job bekommen. „Wir haben das Beschäftigungstherapie genannt. Es macht Freude, um die Alster zu gehen. Aber der Kurs hilft ja nicht, zurück ins Arbeitsleben zu kommen“, sagt Peter. Kosten der Maßnahme: rund 6.000 Euro. Bezahlt vom Steuerzahler.

„Qualifizierung“: Verkäufer auf Ausbildung zum Verkäufer vorbereiten

Mario Klockgether (44) aus Oldenburg ist gelernter Einzelhandelskaufmann. Jahrelang hat er in seinem Beruf gearbeitet, Computer und Technik verkauft. Jetzt ist er arbeitslos und wird vom Jobcenter betreut. Seine Arbeitsvermittlerin hat ihn in eine Qualifizierungsmaßnahme gesteckt. Ein Jahr lang muss er in einem Sozialkaufhaus arbeiten. Das soll ihn auf die Ausbildung zum Verkäufer vorbereiten. Für den 44-Jährigen ist das völlig absurd. Das sagt er auch seiner Vermittlerin. Doch die bringt wenig Verständnis für seine Argumente auf. Der 44-Jährige fühlt sich nicht ernst genommen, schreibt einen Brief an sein Jobcenter und bittet um eine neue Arbeitsvermittlerin. Ohne Erfolg. Nicht einmal eine Antwort bekommt er.

Interne Mail: Jobcenter-Mitarbeiter sollen stärker sanktionieren

So hilflos wie Mario Klockgether fühlen sich viele Arbeitslose. Wenn sie nicht an den verordneten Maßnahmen teilnehmen, drohen Sanktionen. Immer wieder wird Arbeitslosen Geld gestrichen, weil sie angeblich ihre Pflichten nicht erfüllen. In einer Plusminus vorliegenden internen Mail werden Jobcenter-Mitarbeiter sogar dazu aufgefordert, strikt zu sanktionieren, weil die Sanktionsquote in einer Abteilung stark abgesackt war.

Leistungsprämien bei Vermittlung in fragwürdigen Maßnahmen

Die Sanktionen kritisiert auch Inge Hannemann, Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin aus Hamburg. Sie wurde inzwischen suspendiert, weil sie den Umgang mit Arbeitslosen öffentlich kritisiert: „Was mich geärgert hat, war der Druck, den wir aufbauen mussten gegenüber den Erwerbslosen. Wir haben eine enorme Machtstellung und können die ausnutzen.“ Inge Hannemann spricht auch von Zielvorgaben und Zielvereinbarungen in den Jobcentern und den Agenturen für Arbeit. Das heißt: Es gibt Vorgaben, wie viele Arbeitslose vermittelt werden müssen – egal ob in Arbeit oder in Maßnahmen. Werden die Zielvorgaben erreicht, gibt es Leistungsprämien für Führungskräfte. Deshalb werden Arbeitslose oft in Maßnahmen geparkt. Die Statistik wird dadurch schöner. Auch dieses Jahr sind für Maßnahmen und Förderungen knapp vier Milliarden Euro vorgesehen.

Bericht: Carola Beyer

ARD – Plusminus: Tricksereien bei der Jobvermittlung vom 08.01.2014

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/ndr/2014/jobvermittlung-100.html

altonabloggt: „Sanktionsquote lässt Fragen offen

http://altonabloggt.wordpress.com/2014/01/10/sanktionsquote-lasst-fragen-offen/

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Ein Kommentar zu “ARD-PlusMinus vom 08.01.2014 – Tricksereien bei der Jobvermittlung

  1. oberham sagt:

    Es ist doch inzwischen offensichtlich, dass Maßnahmenbetreiber und Job-Center Leitung eine Kleptokratenkultur übelster Ausprägung am Laufen halten.
    Übrigens – dies ist nicht erst seit Hartz IV der Fall!

    Die Maßnahmenindustrie ist mit das Unsäglichste, was die Dienstleistungskultur so zu bieten hat.

    Da finde ich es noch nett, wenn dem Maßnahmenteilnehmer die Teilnahme „erlassen“ wird und er nur einen Zettel unterschreibt – so erfolgt wenigstens keine Freiheitsberaubung – da finde ich – war der Herr vom Video doch sehr naiv – glaubte er doch tatsächlich irgend etwas in so einer Schulung „lernen“ zu können.

    Auch die Wanderbewegung ist eine noch humane Art, den Steuerzahler zu schröpfen – es gibt wirklich noch viel schlimmere Methoden.

    Es wird sich nichts ändern, solange wir Untertanen das alle brav schlucken – egal ob wir nun zu den Gewinnern, oder den Verlierern zählen.

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