Die Weiterbildungsindustrie – Geschäfte mit dubiosen Maßnahmen

Die Weiterbildungsindustrie – Geschäfte mit dubiosen Maßnahmen

Weiterbildung gilt als Geheimwaffe gegen Arbeitslosigkeit. Jahr für Jahr fließen Milliarden an Steuergeldern in diverse Trainings- und Umschulungsmaßnahmen. Doch wann sind Weiterbildungen wirklich sinnvoll und was ist die Alternative? „Exakt – Die Story“ schaut hinter die Kulissen der Weiterbildungsindustrie, spricht mit Betroffenen, Experten und Insidern über Sinnlosmaßnahmen und Mogelpackungen.

 

Qualifizierung, Eingliederung, Fortbildung, Umschulung – Maßnahmen dieser Art sollen die Chancen von Arbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Doch nur jeder Fünfte findet über derartige Maßnahmen schließlich einen neuen Job. Lohnend ist das Geschäft für die 17.000 Bildungsträger. Sie machen allein mit Fortbildungsangeboten für Arbeitsagenturen und Jobcenter einen jährlichen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro. Die Zahl der angebotenen Kurse ist so gut wie unüberschaubar und insbesondere im Hinblick auf Qualität und Nutzen wenig kontrollierbar. Doch sie alle versprechen Arbeitssuchenden, dass sich ihre beruflichen Chancen wesentlich verbessern würden.

Fragwürdige Bildungskarriere 

Fast 20 Jahre in Weiterbildungen: Heinz von Wensiersky

Nicht selten reiht sich Lehrgang an Lehrgang wie bei Heinz von Wensiersky. Mit 43 wurde der gelernte Maschinenbautechniker arbeitslos. Eine neue Anstellung hat er nie gefunden, eine kurzzeitige Selbstständigkeit scheiterte. Stattdessen kämpfte er sich fast 20 Jahre lang erfolglos durch Fortbildungsmaßnahmen und Weiterbildungen, die ihm das Jobcenter auferlegte. Im Sommer 2014 wird er 63, danach kann er nahtlos in die vorgezogene Altersrente wechseln. Zuvor hatte ihm das Amt noch eine Kur genehmigt – zum Erhalt seiner Arbeitskraft.

„Beliebt sind diese Maßnahmen, die dann heißen: Wie schreibe ich meine Bewerbung? Oder dass man Stellensuche am PC lernt. Und da werden in der Regel sehr fantasievolle Namen benutzt, die sehr kreativ in der Aussage sind, aber im Inhalt eigentlich demjenigen, der sie nutzt oder der sie nutzen muss, nicht weiterbringen.“

Heinz von Wensiersky

Axel Koch, Professor für Wirtschaftspsychologie, ist in der Welt der Weiterbildungsindustrie zu Hause. Er beklagt die mangelnde Qualität der Fortbildungsmaßnahmen.

„Wer ist oft Dozent in diesen Veranstaltungen? Das sind sicherlich die Leute, die in den Unternehmen, wo die großen Kuchen verteilt werden, nicht zum Tragen kommen. Das heißt, hier kann man nicht zwingend erwarten, dass die jetzt für sehr, sehr geringe Stundensätze ein Höchstmaß an Motivation und Leidenschaft mitbringen.“

Prof. Axel Koch, Wirtschaftspsychologe

So erstaunt auch das Ergebnis kaum: Trotz der Kosten in Milliardenhöhe finden gerade einmal 20 Prozent der Arbeitslosen durch diese Maßnahmen den Weg zurück in den Job. Doch soviel die Arbeitsagentur auch in Weiterbildungsmaßnahmen investiert, um so zurückhaltender reagiert sie bei der Genehmigung von Umschulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, die Arbeitslosen einen Berufswechsel ermöglichen würden.

Jedes Jahr schicken die Jobcenter rund 100.000 Erwerbslose zu einer Psychologischen Begutachtung, einer Art „Intelligenztest“. Dieser soll klären, ob der Arbeitslose für eine Qualifizierung geeignet ist. Doch egal, wie das Gutachten auch ausfällt: Das letzte Wort hat der Arbeitsvermittler.

„Das ist ein Sparinstrument. Wir sind dazu angehalten worden, Tests auch so auszulegen, dass wir keine Qualifizierung bezahlen müssen.“

Inge Hannemann, ehemalige Arbeitsvermittlerin des Jobcenters Hamburg-Altona

Mitunter wird auch Kasse gemacht, wenn gar keine Fortbildung stattfindet. Im IHK-Bildungszentrum Dessau in Sachsen-Anhalt ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. Hier soll ein ganzes Netzwerk von Geschäftemachern öffentliche Mittel für Fortbildungsmaßnahmen in Millionenhöhe veruntreut haben. Um die modernen Seminarräume auszulasten, sollten Kunden für hier stattfindende Maßnahmen akquiriert werden. Die Fördermittel wurden von Firmen beantragt, um Mitarbeiter aus- und weiterzubilden. Nachweislich wurden fünf- und sechsstellige Beträge an zahlreiche Unternehmen der Region ausgezahlt. Doch die Seminarräume des IHK-Bildungszentrums blieben leer.

 Möglich wurde der mutmaßliche Fördermittelbetrug auch durch die vielen Unterschriften auf den offenbar fingierten Kurslisten. Doch was hatte die Teilnehmer dazu bewogen? „Uns wurde gesagt, wir sollen unterschreiben, dass wir teilgenommen haben, weil das Unternehmen ohne die Fördermittel keine Löhne zahlen kann“, berichtet einer der Beteiligten. Der mutmaßliche Fördermittelmissbrauch beschäftigt jetzt einen Untersuchungsausschuss des Magdeburger Landtags. Gegen 148 Personen und 36 Firmen ermittelt die Staatsanwaltschaft Halle wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug und Beihilfe bzw. Anstiftung. Der Gesamtschaden soll bei 9,2 Millionen Euro liegen.

MDR / Exakt – Die Story vom 29.01.2014

http://www.mdr.de/exakt/die-story/weiterbildungsindustrie104.html

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