Fachkräfte werden vergrault

Fachkräfte werden vergrault

von Carola Beyer & Alexandra Ringling

Lukasz Fajkowski wird eigentlich in Deutschland dringend gebraucht. Denn er ist das, was viele Firmen händeringend suchen:  ein gut ausgebildeter Ingenieur. Vor knapp zwei Jahren kam der Pole nach Deutschland, um bei einer Zulieferfirma Flugzeugteile für Airbus zu konstruieren. Doch seine Firma verlor das Projekt – der 24-jährige wurde arbeitslos.

Integrationskurs statt Jobangebot

Kein Problem, so glaubt Lukasz anfänglich – schließlich herrscht in Deutschland Fachkräftemangel. Und bei den Ingenieuren ist das Loch besonders groß: 63.700 Ingenieure fehlen der Industrie. Doch beim ersten Termin bei der Arbeitsagentur bekommt er keine Jobangebote, sondern den Vorschlag einen Integrationskurs zu besuchen. Seine fehlenden Deutschkenntnisse seien ein Problem. Dabei spricht man in seinem Arbeitsumfeld sehr oft englisch, da Kollegen vielfach aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten müssen. Und Lukasz spricht fließend Englisch – wie auch die Frau in der Arbeitsvermittlung. Dennoch muss das Gespräch auf Deutsch laufen – und dann übersetzt werden.

Mit der Teilnahme am Integrationskurs wäre Lukasz Fajkowski sechs Monate aus der Statistik heraus, würde aber auch in diesen sechs Monaten keinerlei andere  Jobangebote bekommen.  Er wehrt sich, verweist darauf, dass er seit anderthalb Jahren bereits in Deutschland lebe und sich gut integriert fühle. Die Arbeitsvermittlerin gibt schließlich nach und schickt ihn ein paar Türen weiter. Dort residiert der „Arbeitgeberservice“. Er ist speziell zur Vermittlung von Fachkräften eingerichtet. Doch auch hier kommt Lukasz Fajkowski nicht weiter. Denn die Angebote für Ingenieure entpuppen sich als die normalen Angebote der Jobagentur, die jeder Arbeitssuchende einsehen kann. Auch Lukasz kannte sie alle.  So macht er sich schließlich selbst auf die Suche, hat mehrere Vorstellungstermine in deutschen Firmen. Sprachliche Defizite oder gar sein Englisch stellen hierbei keinerlei Problem dar.

Unflexible Bürokratie

Auch Hartz 4 versucht der junge Mann zu beantragen, um finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Das erweist sich als fast noch komplizierter. Statt einer Beratung bekommt er einen Packen Formulare in die Hand gedrückt – wieder nur mit deutschen Erklärungen und einem Stempel. Er hat die Formulare bereits zuhause ausgedruckt und auch ausgefüllt. Doch sie sind wertlos, da auf ihnen der Stempel fehlt.

Sein Eindruck der deutschen Bürokratie ist verheerend: Unfreundlich, unflexibel und nach Schablonen arbeitend – ohne wirkliches Interesse am Arbeitssuchenden, so sein Fazit. Er orientiert sich um und arbeitet inzwischen wieder als Ingenieur. Seit Anfang März hat er einen gut dotierten Job in England – und Deutschland eine Fachkraft weniger.

NDR – Panorama3 vom 18.03.2014

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_3/fachkraeftemangel143.html

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