ARD – PlusMinus 10.12.2014 – Arbeitsagenturen fördern Zeitarbeit

ARD – PlusMinus 10.12.2014 – Arbeitsagenturen fördern Zeitarbeit

Die Bundesagentur für Arbeit schlägt Arbeitssuchenden oft Stellen in der Zeitarbeit vor. Dafür arbeitet die Behörde eng mit den Leihfirmen zusammen – und leistet damit einer ganzen Branche kostenlos Schützenhilfe. Das Nachsehen können Betriebe haben, die direkt Festangestellte suchen.

 

Vor einigen Monaten sucht die Glaserei Raab in München einen neuen Mitarbeiter. Der Inhaber schreibt die offene Stelle bei der Arbeitsagentur aus, trotzdem erreicht den Betrieb auch nach Wochen keine passende Bewerbung. Dafür melden sich verstärkt Zeitarbeitsfirmen – die haben gleich mehrere Kandidaten an der Hand. Aus Mangel an Alternativen stellt die Glaserei einen Zeitarbeiter ein.

Stefan Raab, Glaserei Raab, München:

»Meiner Meinung nach ist es so gewesen, dass die Zeitarbeitsfirmen letztendlich den Job der Arbeitsagentur übernommen haben. Die haben geschaut: Wer ist als arbeitsloser Glaser gemeldet? Wer braucht einen Glaser?«

Später stellt sich heraus: Der neue Mitarbeiter war eigentlich zur selben Zeit im nahen Rosenheim arbeitslos gemeldet, als die Glaserei ihr Gesuch aufgegeben hat. Trotzdem hat ihm die Arbeitsagentur diese Stelle nicht vorgeschlagen. Dafür aber viele andere aus dem Bereich der Zeitarbeit. Wie kann das sein?

Arbeitgeber wie jeder andere?

Laut Gesetz muss die Bundesagentur für Arbeit Zeitarbeitsunternehmen behandeln wie alle anderen Arbeitgeber auch, so steht es im § 35 SGB III.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales:

»Es wäre rechtlich unzulässig, Leiharbeitsunternehmen bei der Suche nach Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Unterstützung zu verweigern.«

Für die Bundesagentur darf es also gar keine Rolle spielen, ob die Stellenangebote, die dem Arbeitssuchenden vorgeschlagen werden, Zeitarbeit sind oder nicht. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales verweist darauf, die Bundesagentur gewichte aber intern inzwischen höher, wenn Beschäftigungsverhältnisse mindestens sechs Monate dauern.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales:

»Die bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen zu besetzten Stellen fließen gesondert in die Erfolgsmessung ein.«

Im Nachhinein gibt es also Pluspunkte für die Bundesagenturmitarbeiter, wenn ein Arbeitssuchender, etwa von einem Handwerksbetrieb, angestellt wird. Doch an der Vermittlungspraxis ändert das kaum etwas – obwohl immer wieder nachgewiesen wird, dass Zeitarbeit eher selten in eine Festanstellung mündet.

Schnell vermittelt

In vielen Regionen sind nicht einmal zwei Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Zeitarbeiter – insgesamt ein sehr geringer Anteil also. Doch in der Bundesagentur für Arbeit spielt Zeitarbeit eine viel größere Rolle. Zum Jahresende kamen etwa 34 Prozent der gemeldeten Stellen der Bundesagentur aus der Zeitarbeit. In manchen Regionalagenturen waren es sogar 52 Prozent. In der Online-Jobbörse der Behörde findet man auf den ersten Seiten fast nur Zeitarbeitsangebote. Was hat die Bundesagentur davon?

Zeitarbeitsfirmen sind oft unkritischer bei der Übernahme Arbeitssuchender als kleine und mittlere Betriebe. Das ist für die Mitarbeiter in Arbeitsagenturen und Jobcentern verlockend, sagt Inge Hannemann. Sie hat in einem Jobcenter in Hamburg gearbeitet.

Inge Hannemann, Ex-Mitarbeiterin Jobcenter, Hamburg:

»Die Kollegen sagen: Es ist für mich eine erfolgreiche schnelle Vermittlung – ich rufe dort an und hab am nächsten Tag, oder zwei Tage später, das Vorstellungsgespräch für den Bewerber. Und mir ist es auch vollkommen egal als Arbeitsvermittler, ob er nach sieben Tagen wiederkommt.«

Wer sieben Tage beschäftigt war, verschwindet erstmal aus der Statistik. Das ist gut für die Zahlen, die die Bundesagentur-Mitarbeiter erreichen sollen. Teilweise werden die Vermittlungsquoten täglich an die Teams zurückgemeldet. Das erzeugt Druck, sagt Inge Hannemann.

Enge Zusammenarbeit

Vor allem was die Online-Kanäle betrifft, geht die Bundesagentur für Arbeit besondere Vereinbarungen mit den Zeitarbeitsfirmen ein: Sie bekommen einen Account um Stellen zu übermitteln und einen persönlichen Zugang für die Jobbörse. Und das ist nicht alles. Bundesweit organisieren Arbeitsagenturen Jobmessen, auf denen Zeitarbeitsfirmen neues Personal rekrutieren können. Oft finden diese „Zeitarbeitstage“ in den Räumen der Behörde statt. Arbeitsmarktexperten geht das zu weit.

Prof. Stefan Sell, Direktor Institut für Bildungs- und Sozialpolitik, Hochschule Koblenz:

»Der große Gewinner sind die Leiharbeitsfirmen. Denn die mit öffentlichen Mitteln finanzierte Infrastruktur der Stellenbörse, der Bewerberprofile, das alles können die Leiharbeitsfirmen quasi kostenlos nutzen, um ihr Geschäftsmodell umzusetzen – nämlich anderen Unternehmen Leihpersonal zur Verfügung zu stellen.«

Für die Bundesagentur sind die Messen ein ganz normales Mittel in der Zusammenarbeit mit Zeitarbeitsfirmen.

Bundesagentur für Arbeit:

»Die regionalen Agenturen für Arbeit entscheiden im eigenen Ermessen wie sie im gesetzlichen Rahmen Serviceleistungen für den Arbeitgeber erbringen wollen.«

Keine Rolle spielt, dass das Leihpersonal gerade für kleine Betriebe oft richtig teuer ist. Die Zeitarbeitsfirmen schlagen ihren Verdienst auf den Lohn des Arbeiters auf – so kann beispielsweise ein frisch ausgebildeter Glaser einen Betrieb schnell mal 500 Euro monatlich mehr kosten, als ein Festangestellter. In Zeitarbeitsverträgen ist zudem vereinbart, dass der Arbeiter nicht einfach vom entleihenden Betrieb angestellt werden darf. Bei Beschäftigungen unter einem Jahr wird oftmals eine hohe Ablösesumme fällig.

Bericht: Vanessa Lünenschloß

Stand: Mitte Dezember 2014

ARD – PlusMinus vom 10.12.2014:Arbeitsagenturen fördern Zeitarbeit

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/br/2014/10122014-zeitarbeit-100.html

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