PlusMinus 13.05.2015 – Mies bezahlt – Wie Rentner ausgebeutet werden

PlusMinus 13.05.2015 – Mies bezahlt – Wie Rentner ausgebeutet werden

Weil die Rente nicht reicht, brauchen sie einen Nebenjob. Sie arbeiten als Putzfrau, Wachmann oder Busfahrer – und werden mies bezahlt. Das ist die bittere Realität für immer mehr deutsche Senioren. „Ich gebe Dir sechs Euro die Stunde und Du kannst essen und trinken umsonst. Das ist das gleiche wie Mindestlohn“, so schildert ein Rentner seine Erlebnisse. Der Arbeitsrechtler Peter Schüren erklärt: „Das sind grobe Gesetzesverstöße nach meiner Einschätzung. Und das ist ein Fall für die Finanzkontrolle Schwarzarbeit.“ „Plusminus“ deckt auf, was Rentner bei der Jobsuche erleben und unter welchen Bedingungen sie arbeiten

Wir sind im hessischen Hofheim. 45.000 Rentner leben hier. Jeder zehnte ist am finanziellen Limit. Kleine Rente, hohe Mieten und Lebenshaltungskosten. Eine Misere, in der auch Michael Schirdewan steckt. Wohnung und Nebenkosten verschlingen den Löwenanteil seiner Rente. Sind die Fixkosten weg, bleiben nur noch 300 Euro im Monat zum Leben: „Dann wird es dann halt schon manchmal eng. Deshalb such ich ja einen kleinen Nebenverdienst.“ Ein Minijob auf 450-Euro-Basis. Das wäre optimal für den 75-Jährigen. Doch welcher Arbeitgeber bietet so etwas für Rentner? In der Zeitung gibt es nur magere zwei Stellenangebote. Ein Job in einer Waschanlage und mobiler Früchteverkauf. Extra für Rentner. „Das wäre was für mich“, meint Schirdewan. Er fahre gerne Auto und sein Orientierungssinn sei gut.

Arbeitgeber nutzen die Not aus

Doch welche Tätigkeit steckt wirklich dahinter? Der Arbeitgeber erklärt: „Unser Fahrer bringt sie morgens in irgendeine Ortschaft im Umkreis von 200km und da verkaufen Sie dann Obst von Haus zu Haus. Wir geben Ihnen 20 Prozent Ihrer Tageseinnahmen. Bar auf die Hand.“ Ein Job ohne schriftlichen Arbeitsvertrag und ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 8,50 Euro. Dieses Angebot zeigen wir dem Arbeitsrechtler Peter Schüren. Er kennt solche Anzeigen für Rentner zur Genüge. Oft steckt Schwarzarbeit dahinter: „Warum es häufig vorkommt? Weil wenig kontrolliert wird und der soziale Druck nicht so groß ist. Das wird sich in dem Moment ändern, wenn die Arbeitgeber, die sowas machen, kräftig eins auf die Finger bekommen. Das heißt wenn scharf durch gegriffen wird, kontrolliert wird, Bußgelder verhängt werden.“

Tatsächlich aber kommt der Zoll mit seinen Kontrollen kaum hinterher. Immer mehr Rentner drängen auf den Arbeitsmarkt und nehmen alles an, was Ihnen geboten wird. Waren es 2003 noch 352.000 Senioren mit Job, sind es nun bereits 767.000, also mehr als doppelt so viele. Und diese Zahlen steigen weiter an. Vor allem Frauen suchen im Alter häufig einen Nebenjob. Sie haben die niedrigsten Renten, und diese Not nutzen Arbeitgeber gerne aus. Die Rentnerin Irmgard Müller hat eine ganze Reihe ausbeuterischer Minijobs hinter sich. Aus Scham und Angst vor Repressalien will sie ihr Gesicht nicht zeigen: „Je mehr sie das Geld brauchen, umso mehr Stunden arbeiten sie für wenig oder nichts, fast nichts. Mit 8,50 Euro brauchen sie nicht zu rechnen. 4,5,6. Mehr nicht.“

Demütigende Erfahrungen für Rentner

Als Spülkraft in einer Großküche verdient sie 6 Euro die Stunde ohne Arbeitsvertrag. Wer sich beschwert, fliegt raus. In einer Druckerei faltet sie Prospekte am Fließband für 5 Euro die Stunde. Wie ist das möglich in Zeiten des Mindestlohns? Schüren erklärt: „Die einzige Möglichkeit, unauffällig zu betrügen, ist beim Mindestlohn die Arbeitszeit höher zu fahren und diese Zeit dann nicht zu bezahlen.“ Die schlechtesten Erfahrungen macht Irmgard Müller als Putzfrau. Manchmal wird sie gar nicht bezahlt: „Da haben Sie vier Stunden geputzt, aber wenn er kein Geld rausrückt, dann haben Sie eben nichts. Furchtbar. Das ist sehr demütigend.“ Fälle wie diese landen immer öfter bei der Rentner-Gewerkschaft Deutschland. Der Verein kümmert sich um Menschen in der Altersarmut. Ein Thema, das eine immer größere Rolle spielt ist: Wie kommen Ältere mit Nebenjob zu ihrem Recht.

Über die Internetseite des Vereins und soziale Netzwerke baut der Vorsitzende Jürgen Wuttke Ortsgruppen in ganz Deutschland auf. Das bringt regen Zulauf. Bis heute haben sich bereits über 32.000 Rentner beraten lassen, die sich beim Job mies behandelt glauben. Jürgen Wuttke von der Rentner-Gewerkschaft Deutschland klagt: „Dieser Niedriglohnsektor gehört unseres Erachtens nach eliminiert.“

Naturalien statt Bares

Zurück zu Michael Schirdewan. Plusminus begleitet den Rentner mit versteckter Kamera auf Jobsuche. In einer Waschanlage heißt es: „Sie können bei uns die Innenreinigung machen von den Autos. Polster, Amaturen und Scheiben. Aber das muss schnell gehen. 10 Minuten pro Auto. Verstehen Sie?“ Akkord-Arbeit, und das mit 75. Supermärkte und Einzelhändler winken gleich ab. Alle Stellen sind vergeben. Und in der Gastronomie bekommt er dieses Angebot: „Du kannst bei mir Pizza ausfahren. Ich geb Dir 6 Euro die Stunde und Du kannst essen und trinken umsonst.“ Aber das sei ja noch nicht mal der Mindestlohn, wendet Schirdewan ein. „Das ist das gleiche wie Mindestlohn oder sogar besser, weil Du ja essen und trinken kannst umsonst“, lautet die Antwort.

Naturalien statt Bares. Auch das ist leider Realität in Deutschland. Am Ende stehen 10 Bewerbungsgespräche und kein Nebenjob für den Rentner. Besonders schlimm: fünf Mal soll er schwarz arbeiten oder unter der Mindestlohngrenze.

Autorin: Petra Stein

Mies bezahlt – Wie Rentner ausgebeutet werden:

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/hr/arbeitsmarkt-rentner-100.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s