»Die Ignoranz im Umgang ist nicht hinnehmbar«

Hamburg: Hartz-IV-Bezieherin und Begleiter werden aus Jobcenter geworfen, als sie seit Januar fehlende Zahlung einfordern. Gespräch mit Claude N’da Gbocho

Interview: Martin Dolzer

Sie waren am Freitag und Montag gemeinsam mit einer Klientin in einem Jobcenter in Hamburg. Dort sind sie wiederholt, trotz akuter Notlage, abgewiesen worden. Worum ging es genau?

Am vergangenen Freitag war ich mit meiner Klientin Frau K. im Hamburger Jobcenter in Lokstedt, um ihre Sozialleistungen gemäß SGB II, also Hartz IV, einzufordern, die schon seit Anfang Januar 2016 nicht mehr gezahlt wurden. Frau K. ist alleinerziehende Mutter aus Côte d’Ivoire, der Elfenbeinküste, mit einem neun Monate alten Kind und hat schlicht seit Januar kein Geld mehr erhalten. Wir sind mehrfach von Sachbearbeiterin zu Sachbearbeiterin geschickt worden, ohne dass auf das Anliegen eingegangen wurde. Am Freitag wurden wir auf Montag vertröstet. Die Teamleiterin machte die Zusage, dass sich eine zuständige Sachbearbeiterin melden werde, um den Notstand zu beenden – oder dass wir uns, falls dies nicht geschehe, bei der Sachbearbeiterin melden sollten. Einen Anruf erhielt weder die Klientin noch ich. Da die Zuständige selbst per Telefon nicht erreichbar war, gingen wir erneut zum Jobcenter.

Dort wurden Sie am Empfangstresen erneut vertröstet.

Das ist richtig. Da es für Frau K. allerdings um eine existentielle Situation geht, haben wir darauf bestanden, sofort angehört zu werden. Frau K. hatte, wie vom Jobcenter gefordert, bereits im Dezember 2015 rechtzeitig einen Folgeantrag für ihre Leistungen eingereicht und sollte nun erneut ohne weitere Auskunft auf einen nächsten Termin vertröstet werden. Ein solches Vorgehen ist völlig verantwortungslos. Es handelt sich auch nicht um den ersten Fall dieser Art, den ich erlebe. Immer wieder werden meine Klienten vertröstet oder abgewiesen, ohne dass auf ihre Anliegen eingegangen wird. Mehrfach kam es schon zu Situationen, in denen sich Klienten erniedrigt fühlten. Die Teamleiterin verweigerte allerdings jegliche sachliche Auseinandersetzung über das Thema. Statt dessen drohte sie, die Polizei anzurufen, wenn wir nicht sofort weggehen würden, obwohl ich sie mehrfach darauf hinwies, dass Frau K. ein neun Monate altes Kind hat und ich sie im Auftrag der Kirche betreue.

Ist für Sie nachvollziehbar, warum die Teamleiterin derart verständnislos gegenüber berechtigten Anliegen handelt?

Ich kann das überhaupt nicht verstehen, weil es doch gerade die Aufgabe von Behörden ist, die Sozialleistungen gewähren, sich differenziert mit der Situation von Betroffenen auseinanderzusetzen. Das vollkommen zu verweigern und dann auch noch mit der Polizei zu drohen ist ein Skandal. Sich so zu verhalten ist genau das Gegenteil von dem, was in einer solchen Institution Beschäftigte tun sollten. Ihre Aufgabe wäre doch, sich mit sozialer Kompetenz und Einfühlungsvermögen um die Bedürfnisse der Menschen, die darauf angewiesen sind, zu kümmern. Wenn statt dessen auch noch Drohungen dazukommen, ist mehr als fraglich, ob die Menschenwürde so gewahrt bleibt. Vielleicht hängt das Handeln der Teamleiterin aber auch damit zusammen, dass ich Afrikaner bin.

Sie sehen dieses Verhalten also auch als Angriff auf ihre Integrität?

Die Ignoranz im Umgang mit Hilfebedürftigen und deren Begleitern, die man im Jobcenter oder oft auch bei der Ausländerbehörde erleben kann, ist nicht hinnehmbar. Die Kompetenz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollte dort gezielt geschult werden – insbesondere ihre soziale. Gerade Menschen in Leitungsfunktionen haben eine besondere Verantwortung und müssen deshalb meiner Meinung nach auch integrierend wirken, anstatt Ausgrenzung zu betreiben. Sie müssen auch in vermeintlichen Stresssituationen professionell handeln. Dazu brauchen sie auch eine entsprechende Ausbildung. Hierbei sollten der Mensch und seine Würde im Mittelpunkt stehen und nicht seine oberflächlich betrachtete Verwertbarkeit. In dieser Ausbildung muss auch interkulturelle Kompetenz eine zentrale Rolle spielen.

Junge Welt vom 19.02.2016

http://www.jungewelt.de/2016/02-19/005.php

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